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Gourmet

Unter einem sternenklaren Nachthimmel sah man einen jungen Mann mittleren Alters die engen Gassen der kleinen Stadt seinen Weg nach Hause bahnen. Nach einem feuchtfröhlichen Abend empfand er es besonders erfrischend die kühle und feuchte Sommernacht zu genießen. Er wankte leicht und stolperte immer wieder über den unebenen Pfad. Er war neu in der Stadt kannte die Straßen des kleinen Ortes aber schon nahezu auswendig. Sein großartiger Orientierungssinn hatte ihm schon einige Male Vorteile verschafft. Aber diese Nacht schien anders zu verlaufen. Die Umgebung wirkte bekannt, aber er konnte die Häuser nirgends zuordnen. Er fragte sich, ob es am Alkohol lag, aber verwarf diesen Gedanken sofort, da er seine Wohnung schon öfters unter diesem Einfluss gefunden hatte. Bald wurde ihm bewusst, dass er sich mit Sicherheit verirrt hatte. Er musste in einem kurzen Augenblick der Unachtsamkeit einmal falsch abgebogen und so auf einen der wenigen ihm unbekannten Wege gelangt sein. Er suchte nach Anhaltspunkten, die ihm verraten könnten, wo er sich befände, aber nach jedem weiteren Schritt kam ihm die Gegend seltsamer vor. Es war als ob er eine völlig fremde Stadt besucht hätte und sich von neuem zurecht finden müsste.
Kurz bevor er sich entschloss umzukehren, öffnete sich etwa zwei Meter vor ihm eine Tür. Aus dieser traten drei wohlgekleidete Herren und unterhielten sich angeregt. Ihr Gesprächsthema konnte er nicht erahnen, aber er sah wie sie ihre Bäuche rieben und immer wieder seufzten. Schnell verspürte er selbst den Drang nach etwas Kostbarem. Vorsichtig öffnete er die unscheinbare Tür und warf einen haschen Blick ins Innere des Gebäudes. Doch bei diesem kurzen Blick blieb es nicht, denn schon der erste Schein des ungewöhnlichen Lichtes, das sein Antlitz beschien lockte ihn so sehr, dass er nicht davon abließ. Es bat sich ihm eine Szenerie wie er sie nur aus Erzählungen kannte. Seine Neugier verband sich mit angetrunkenem Mut und ließ ihn eintreten. Mit zierlichen Schritten wagte er sich etwas weiter durch den Raum. An den Wänden waren rote Tapeten mit unbekannten Symbolen und Zeichen hochgezogen. Er hörte viele verschiedene Stimmen, die jedoch nicht versuchten sich gegenseitig zu übertönen, sondern ihre Gespräche in angenehmer Tonlage, fast flüsternd führten. Er tappte weiter und konnte schon bald einige Tische mit Gästen erkennen, die alle gut gelaunt beisammen saßen. Sie hatten noch keine Speisen bekommen, aber erwarteten diese, da sie ihr Besteck schon erhalten hatten. Langsam bekam der ungeladene Besucher einen Überblick über das gesamte Lokal. Das ganze Restaurant schien in vollem Betrieb zu sein, fast alle Tische waren besetzt und die wenigen, die frei geblieben waren, waren reserviert. Auch hier waren die Wände mit dunkelroten Tapeten mit den seltsamen Zeichen tapeziert. Die kunstvoll verarbeitete Decke brachte prächtige Fresken zum Vorschein, die seltsamerweise ebenso rot bestrichen waren. Über den Boden war ein prunkvoller Teppich ausgebreitet, der jeden Zentimeter bedeckte und sich so der Umgebung würdevoll anpasste. Die handgefertigten Ebenholztische waren mit roten, mit Gold bestickten, Tischtüchern bedeckt. Die Stühle, die aus demselben Holz wie die Tische bestanden, waren hervorragend auf die meist gewichtigen Gäste vorbereitet und wurden durch wohlgeformte Polsterbezüge perfektioniert. Jeder Tisch hatte einen eigenen Abteil, der die anderen Gäste durch eine dezente aber wirkungsvolle Trennwand voneinander abgrenzte. Doch die innenarchitektonische Vollendung erlangte der Raum durch die mit der roten Umgrenzung korrelierende Beleuchtung durch unzählige Kerzen. An jedem Tisch standen zwei breite Kerzen und an den Wänden hangen in jedem Gästebereich drei weitere. Das danach noch fehlende Licht, strahlte von zwei großen Kerzenleuchten, die an zwei dazu gefertigten Fresken an der Decke, die zwei Hände darstellten, die den schweren Leuchter zu halten schienen, herab.
Es war ein simples, aber doch so elegantes und vor allem atmosphärisches Restaurant, in dem man sich zu wohl fühlte, um es zu verlassen. Doch es musste etwas zu verbergen haben, denn sonst, so dachte sich der erstaunte neue Besucher, müssten sie sich nicht hinter einer so schäbigen und unscheinbaren Fassade verstecken. Dieser Gedanke brachte ihn auch wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Er befand sich in einer geheimen Gaststätte und wartete darauf als ungeladener Gast entdeckt zu werden. Aber gerade als er sich zurückziehen wollte, kam aus einer kleinen schlichten Tür am anderen Ende des Raumes ein Mädchen. Es war schwarz gekleidet und hatte zwei Teller mit Gerichten in der Hand. Es blickte kurz auf und sah ihm flüchtig in die Augen. Er erstarrte. Durch den Promillewert im Blut ließ ihn ihre bloße Anwesenheit und ihr kühles Auftreten schon Schauer über den Rücken laufen. Obwohl sie ein freundliches und liebliches Antlitz hatte und simpel aber wunderschön gekleidet war, fühlte er sich dennoch unwohl. Ihre weiche Haut und ihre geschmeidigen glatten hellbraunen Haare umrahmten den märchenhaften Schimmer in ihren Augen, der das Herz eines jeden wärmte, den sie ansah. Sie war eine Schönheit, wie er sie nur aus Sagen kannte. Sie schien so zart und zerbrechlich wie eine Porzellanstatue, wirkte durch ihr Auftreten dennoch stark und selbstbewusst. Jeder Gast fühlte sich wohl bedient und vertilgte die Speisen, die sie ihnen vorlegte noch genüsslicher, als er sie durch den Raum gehen sah. Allein der neue Gast blieb, vor Schreck erstarrt, stehen und hoffte als einziger, nicht von ihr bemerkt zu werden.
„Guten Abend.“
„Guten Abend“, wiederholte sie, betont.
Ihre erste Begrüßung war an ihm vorbeigeflattert, als sei es nur ein unscheinbarer, angenehmer Hauch eines Engels gewesen. So sanft und himmlisch, dass man sich nicht an dessen Existenz geklammert hätte. Erst die leicht rauere Betonung der Begrüßung lies ihn aus seinem Schlummer erwachen.
„Abend.“
„Folgen Sie mir bitten, ich geleite Sie zu Ihrem Tisch.“
Wortlos folgte er ihren engelsgleichen Schritten und fühlte sich, wie von einer unsichtbaren Hand geführt. Er verspürte keine Angst mehr. Alle seine Gefühle waren einer scheinbaren Bewusstlosigkeit des Willens gewichen. So nahm er an einem der reservierten Tische Platz und beobachtete gebannt jede ihrer Bewegungen. Plötzlich fühlte er sich genauso wohl wie all die anderen Gäste. Er fühlte sich willkommen. Es war, als ob der Tisch für ihn reserviert gewesen war. Sie reichte ihm eine prachtvoll verzierte, in einem dünnen Holzrahmen versetzte Speisekarte, die nur aus zwei kunstvoll beschriebenen, aber dennoch einfach gehaltenen Seiten bestand. Es standen ihm etwa dreißig verschiedene Gerichte zur Auswahl und jedes einzelne klang genüsslicher als das andere. Doch er konnte sich unter den seltsamen Namen nichts vorstellen und trotz dieser exotisch klingenden Speisen blieben sie bezahlbar. Das höchst wundersame Angebot ließ ihn lange grübeln. Er wagte es aber nicht die bezaubernde Kellnerin mit banalen Fragen zu langweilen und den Hintergrund der außergewöhnlichen Speisen zu hinterfragen. So wählte er das Gericht aus, das am interessantesten klang und bedankte sich liebevoll, beinahe mit einer kindlich verliebten Höflichkeit bei der Dame und gab ihr die Karte zurück.

Nach längerer Wartezeit, wurde er langsam ungeduldig. Zwar wurde er immer wieder durch ihr kurzes Auftreten besänftigt, da sie immer wieder die bis aufs letzte leer geräumten Teller wieder abräumte und die vielen Trinkgelder der entzückten Gäste entgegennahm, aber es kamen doch einige Fragen in ihm auf. Durch den sinkenden Promillegehalt in seinem Blut wurden seine Emotionen klarer und seine Gedanken freier. Fragen, nach dem Beweggrund der Heimlichkeit, eines wohl so beliebten Lokals, oder nach dem Geheimnis der unbekannten Namen in der Speisekarte bahnten sich einen Weg durch das vernebelte Bewusstsein des Wartenden. Die Neugier schien sich mit der Ungeduld zu verbinden und schuf langsam einen erfrischend starken Geist in ihm, der dabei war auszubrechen und die Ruhe zu stören.
Er war kurz davor aufzustehen, als das Mädchen wieder aus der Tür kam und einen vollen Teller mit einem genüsslich vorbereiteten Gericht in ihren Händen hielt und freundlich lächelnd auf ihn zuging. Das Warten hatte ein Ende und er bekam seine Bestellung serviert. Erstaunt über die liebevolle und aufopfernde Arbeit des Küchenchefs, der wie es schien sein ganzes Herzblut in dieses Gericht gesteckt hatte, bewunderte er das Mahl. In der Mitte befand sich perfekt gebratenes Fleisch, umrahmt von gleichmäßig geschnittenen und farblich aneinander angepassten Beilagen, die aus geschmacklich ausgewähltem Gemüse bestanden. Das Ganze wurde durch eine ihm unbekannte Soße miteinander verbunden. Er wagte es kaum davon zu kosten und so das hingebungsvolle Werk zu zerstören, aber der verlockende Duft des Gebratenen zwang ihn dazu. Da erstaunte er abermals, als der Geschmack den optischen Eindruck noch bei weitem übertraf. Noch nie hatte er so zartes und saftiges Fleisch geschmeckt. Nicht nur die Kochkünste hatten dazu beigetragen. Es war das Fleisch selbst, das für den hervorragenden Geschmack verantwortlich war. Doch er konnte es nirgends zuordnen. Es war kein ihm bekanntes Fleisch. Da wagte er es wieder an der Legalität des Lokals zu zweifeln. Wohl war dieses Fleisch das Geheimnis des Hauses. Welches exotische Tier sie für dieses empörend gute Mahl geschlachtet hatten, konnte und wollte er sich gar nicht ausmalen. Das bloße Wissen über die Herkunft des Fleisches würde ihm Schwierigkeiten bringen, also beließ er es dabei nicht danach zu fragen.
Nachdem er den großen Teller bis auf das letzte kleine Stückchen eines Salatblattes verzehrt hatte, lehnte er sich zurück. Diese ungewöhnliche und bedenklich gute Kost hatte seinen Bauch aufgepumpt und ihn zur Genüge gesättigt. Es war das beste Essen, das er je gespeist hatte.
Als die Kellnerin an seinen Tisch trat, schwenkten seine Gedanken wieder zu dem fremdartigen Fleisch. Doch sein voller, befriedigter Magen hinderte ihn daran, da er sich jeglichen Ärger ersparen wollte. Also bezahlte er nur und bedankte sich durch einen höflichen Anteil an Trinkgeld, an der unvergesslichen Bedienungskraft.

Trotz aller Bedenken und dem Drang jemandem davon zu erzählen, betrat es das Lokal genau eine Woche später erneut ohne einer Menschenseele davon berichtet zu haben. Er wollte auf keinen Fall eine Enttäuschung riskieren, und bemerken, dass die Tür versperrt und das Restaurant geschlossen war. Einige Zweifel waren ihm an diesem Geschäft gekommen, aber diese wog er damit auf, dass er sich einredete diesmal das Geheimnis des fremden Fleisches zu lüften. Diesesmal war er nämlich nüchtern, seine Sinne waren geschärft und er war auf alles vorbereitet.
Als er durch den Gang trat, fühlte er sich sicherer und selbstbewusster. Er hoffte wieder willkommen zu sein und betete dafür, dass dieselbe Bedienung, wie letzte Woche zur selben Zeit Dienst hatte. Und als er nervös und gespannt um die Ecke blickte sah er seine Wünsche erfüllt. Das liebreizende und kindliche Antlitz des Mädchens erkannte er schon von Weitem. So schritt er ihr entgegen und wurde sogleich begrüßt und an denselben Tisch gesetzt, an welchen er schon bei seinem ersten Besuch platziert worden war. Auch die Speisekarte wurde ihm ehest gereicht. Diesmal nahm er sich die Zeit die er brauchte um die Qualität der verschiedenen Angebote anhand des Preises zu erkennen und abzuwiegen. Dann entschied er sich für das zweitteuerste Gericht und bereitete sich auf eine lange Wartezeit vor. Er konnte zwar nicht genau abschätzen, ob er diesmal länger gewartet hatte, da es nicht viel Neues zu entdecken gab und er sich so etwas mehr langweilte, aber es störte ihn weniger, als das letzte Mal, da er sich dessen bewusst war, dass sich jede Minute des Wartens lohnen würde.
Als die Kellnerin, die mit jeder Minute noch reizvoller zu werden schien, ihm das zubereitete Mahl vorsetzte wurde er ein weiteres Mal überrascht. Der ovale Teller war noch größer und das Gericht noch prächtiger gestaltet als die Bestellung von letzter Woche. Noch eine Weile ergötzte er sich an den schnörkeligen Mustern und eleganten Farbspielen der Speisen, konnte dann aber nicht widerstehen. Und zu allem Überfluss übertraf auch diesmal der Geschmack die hohen Erwartungen. Mit jedem Biss verteilte sich das Gusto über der Zunge und beanspruchte jede der Geschmacksbereiche auf eine bestimmte Art und Weise, dass es ihm schwer fiel die Stücke herunterzuschlucken und das einmalige Gefühl der herzzerreißenden Zärtlichkeit der Kost zu verlieren.
Auch dieses Mal war nach ewigem Genießen der Teller wie geputzt am Tisch zurückgeblieben. Der Sprache kaum fähig und überwältigt von der Menge und der unmenschlichen Köstlichkeit des Vorgesetzten lehnte er sich wieder zurück und knöpfte den obersten Knopf seiner Hose auf. Schon bald erschien das Mädchen wieder und wollte den Teller an sich nehmen. Und in diesem einen Moment der Schwäche nahm seine Neugier Überhand und wagte es sie zu fragen:
„Entschuldigen Sie.“
Sie blieb stehen, blickte ihn mit ihren schimmernden Augen an und lächelte.
„Was ist das für ein Fleisch, das Sie hier servieren?“
Völlig unbeeindruckt durch die plötzliche Frage antwortete sie:
„Mensch. Wieso? Hat es Ihnen nicht geschmeckt?!“
Erst dachte er, sie scherze, aber sofort merkte er, das ihr Lächeln allein höflicher Natur war und keiner belustigenden. Sein Schmunzeln wandelte sich zu einem schockierten Stottern. Er brachte kein verständliches Wort heraus, versuchte aber vergeblich so natürlich wie sie zu wirken, um kein Aufsehen zu erregen.
„Haben Sie es nicht gewusst?“, fragte Sie, als sie sein Unwohlsein bemerkte.
Er wollte sie belügen und so schnell wie nur möglich das Lokal verlassen, aber ihre strahlenden Augen konnte er nicht täuschen. So gestand er seine Unwissenheit, durch Schweigen.
Sie lächelte und reichte ihm die Hand. Er zögerte und fürchtete einen Trick. Aber ihre samtweiche Haut glänzte in dem flackernden Kerzenlicht und zähmte seine Furcht. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn zu der einer Tür aus der sie immer ein und aus gegangen war. Ihr kindlicher Händedruck vermittelte ihm Sicherheit und er folge ihr ohne Widerstand. Durch die Tür gelangten sie in ein kleines Vorzimmer in dem sich drei weitere Türen befanden. Wären sie geradeaus weiter gegangen, hätten sie die steril gehaltene und von vier hervorragenden Köchen verwaltete Küche besucht. Rechts sah er eine Tür, ohne Beschriftung, die etwas zu verbergen schien. Das Mädchen bog aber nach links und führte ihn durch die dritte Tür. Sie öffnete sie und lies ihn eintreten. Er betrat ein kleines Zimmer. Es hatte dasselbe Flair, wie das übrige Restaurant und beherbergte einen großen Schreibtisch in der Mitte und zwei große, über die Seitenwände verteilten Bücherregale, die seltsamerweise völlig leergeräumt waren. Wie der gesamte Restaurantbereich fand sich auch hier kein einziges Fenster und die einzigen Lichtquellen waren Kerzen.
Das Mädchen blieb in der Tür stehen und sagte nur:
„Er weiß es noch nicht.“
Dabei hatte sie die ältere Dame hinter dem Schreibtisch angesprochen, die erst nach den Worten ihrer Angestellten den Blick von ihren Schriften hob und den ahnungslosen Mann bemerkte. Sie nickte und das Mädchen schloss die Tür. Nun war er allein. Keine schützende Hand hielt ihn mehr fest. Er stand einer unbekannten Frau gegenüber, die ihn mit ihren Augen betastete. Sie strahlte eine Führungsmacht aus, wie er sie noch nie gesehen hatte. Ihr Blick war scharf und genauestens konzentriert. Sie wusste was sie wollte und war bereit alles für ihren Erfolg zu opfern. Ihr Gesicht war faltig und ihre Haare gefärbt. Sie war eine alte Frau mit einer langen Vergangenheit. Man sah ihr ihre jugendliche Schönheit an und erkannte, dass sie ihre Anmut als Naivität verkauft und so alle getäuscht und ihren Scharfsinn ausgenutzt hatte. Ihre Position als Geschäftsführerin eines Edelrestaurants hatte sie sich weder erkauft noch erschlichen. Es war ihre eigene Arbeit und ihr ganzer Stolz.
Sie nahm ihre Brille ab und sah ihm in die Augen. Er schwitzte und war schon einige Zentimeter zurückgewichen seitdem die Tür geschlossen worden war. Doch als er ihre Augen genau betrachtete erkannte er sie wieder. Dieselben Augen, derselbe Schimmer hatten ihn vorige Woche verzaubert als er das versteckte Lokal besucht hatte. Plötzlich fühlte er sich wieder geborgen.
„Sie haben also nicht gewusst was Sie essen?“, fragte sie ihn.
Er schüttelte en Kopf.
„Und nun sind sie schockiert.“
Er nickte leicht.
„Das ist nichts Neues. Ich erlebe das ständig. Noch kein einziges Mal ist jemand damit von Anfang an klargekommen. Hat es Ihnen zumindest geschmeckt.“
Diesmal nickte er heftiger, schämte sich aber sofort für seine Überschwänglichkeit.
„Das ist gut. Wir bemühen uns auch um jeden Kunden, den wir kriegen. Denn ein Massengeschäft ist das hier nicht. Wir öffnen nur nachts, damit wir am Tag nicht zu viel Aufsehen erregen. Es ist auch nichts Verbotenes, wir haben Erlaubnis von ganz Oben. Einige der höchsten Politiker hier sind sogar Stammgäste, manche kommen aber nur bei besonderen Gelegenheiten. Wir versuchen unseren Gästen den besten Service zu bieten den wir können und dazu gehört manchmal auch Aufklärung.“
Er hatte inzwischen durch ihre familiäre Art Zutrauen zu ihr gewonnen:
„Aber es ist Menschenfleisch. Das ist Kannibalismus.“
„So dürfen Sie es nicht sehen. Es ist zwar Menschenfleisch, aber es sind keine Menschen wie Sie sie kennen. Es sind keine homo sapiens.“
„Ich versteh nicht.“
„Kommen Sie, ich zeige es Ihnen“
Sie stand auf und ging aus dem Zimmer. Er folgte ihr durch das rote Vorzimmer. Sie zog einen Schlüssel aus ihrer Hose und sperrte damit die unbeschriftete Tür auf. Sie ging hindurch und er folgte wieder. Doch das, was er hinter dieser Tür zu sehen bekam, schockte ihn mehr als alles was er je gesehen hatte. Nie hätte er ein solches Szenario erwartet. Er war auf vieles vorbereitet, aber was sich ihm in diesem geheimen Raum bot, war beispiellos. Er befand sich in einer kleinen kühlen Lagerhalle, die sich in zwei gleich große Abschnitte teilte. Der erste Abschnitt war ein durch Glas mit großen Luftlöchern abgetrennter Bereich, hinter dem etwa dreißig nackte Menschen hin und her wankten. Unter ihnen waren Männer, Frauen und Kinder. Zwischen fünf und dreißig Jahren, war alles vorhanden. Der Boden war besät mit Heu. Manche schliefen, manche dösten vor sich hin. Einige gingen etwas herum, ein Pärchen vergnügte sich sogar. Aber keinen schien es zu interessieren was gerade geschah. Man spürte, dass sie keine Angst hatten. Sie wussten nicht, was mit ihnen geschehen würde und schienen sich wohl zu fühlen in ihrer Todeszelle. Und das obwohl ihr Leben jederzeit beendet werden könnte, nämlich im nächsten Abschnitt, wo schon zwei Schlachter auf sie warteten. Mit gezielten Hieben trennten sie den Menschen den Kopf und bereiteten ihnen so ein schnelles, schmerzloses Ende. Danach wurden alle dienlichen Teile, wie Leber, Gehirn, Fleisch von den unbrauchbaren Stücken, wie Magen, Darm und Lunge getrennt. Der sonst so markante Geruch eines Schlachthofes wurde durch Ventilatoren und abgesperrte Container Großteils vermieden, sodass er keinesfalls die Atmosphäre des Candlelight-Bereiches beeinträchtigen konnte. Die verwendbaren Stücke wurden dann verarbeitet, gesäubert und direkt in die Küche gebracht.
Gebannt und entsetzt beobachtete er den gesamten Vorgang. Er war den Tränen nahe. Er konnte sich aber zwischen Trauer und Übelkeit nicht entscheiden. Beinahe hätte er sich übergeben, als die Geschäftsführerin ihm an die Schulter tippte und nach draußen winkte. So gingen sie, nachdem sie den Raum wieder verschlossen hatte, schnell wieder in ihr Büro.
Er war wieder sprachlos, aber sie kannte seine Fragen schon.
„Wie sollte Sie das beruhigen, fragen Sie sich. Das fragen sich alle. Ich wollte sie vor eine Abzweigung stellen. Entweder finden Sie sich damit ab Menschen zu essen, oder Sie werden Vegetarier.“
„Das sind doch keine vergleichbaren Optionen!“
„Wieso. Das was wir hier mit Menschen machen, wird auch mit Tieren gemacht. Wieso ist es bei Kühen oder Hühnern gerecht und bei Menschen nicht?“
„Weil Menschen keine Tiere sind. Wir haben Gefühle. Wir haben einen Verstand.“
„Tiere haben doch auch Gefühle. Sie haben streng genommen auch einen Verstand. Zwar ist dieser nicht so entwickelt, aber trotzdem ist er vorhanden.“
„Aber,…“
„Lassen Sie mich bitte erklären. Ich verstehe ihre Argumente. Aber deshalb habe ich Ihnen unsere Menschen ja auch gezeigt. Haben Sie an Ihrem Verhalten etwas anderes gesehen, als tierische Urinstinkte?“
Er erinnerte sich an die Eindrücke, die ihm diese Primitiven vermittelt haben und musste den Kopf schütteln.
„Es sind genmanipulierte Menschen. Sie haben mit uns kaum etwas gemein. Biologisch gesehen sind sie Menschen, aber soziologisch sind sie Tiere. Sie verspüren keine Liebe und ihre einzigen Sorgen sind Essen, Sex und Schlafen. Sie leben wie Tiere und gehen wie Menschen. Sie sind homo animalis.“
„Aber sie verarbeiten auch die Kinder!“
„Haben Sie etwa noch nie Lamm oder Kalb gegessen?“
Er wusste nicht mehr was er denken sollte, seine gesamte Vorstellung von Recht und Unrecht war auf den Kopf gestellt.“
„Um deren Wohlbefinden müssen Sie sich nicht sorgen. Wir füttern sie, lassen ihnen wenig Auslauf, damit ihre Muskeln schön zart bleiben und versorgen sie bei Krankheit. Sie sind gut aufgehoben. Naja, bis sie natürlich… Viele denken oft, es sei unorthodox Menschen zu essen, aber wir haben sie auf dieselbe Stufe wie Tiere gestellt. Deshalb zeigen wir unseren neuen Gästen auch das was Sie gerade gesehen haben. In jedem gewöhnlichen Schlachthaus, hätten Sie dasselbe gesehen, nur in ganz anderen Mengendimensionen und meist noch wesentlich grausamer. Deshalb haben wir kein Problem damit, wenn wir die Hälfte unserer neuen Gäste nie mehr wiedersehen, da wir sicher sein können, dass sie Vegetarier geworden sind und der Rest bildet unseren Stammkundenkreis. Vor dieser Wahl stehen nun auch sie. Glauben Sie mir, es sind Ihre einzigen Optionen.“
Er sprach nun kein Wort mehr. Sie hatte alle Fragen, die er hatte beantwortet. Die übrigen Antworten musste er sich selbst liefern. Dabei konnte ihm keiner helfen. Sprachlos und ahnungslos stand er vor ihr und wagte es nicht sich zu bewegen. Eine solche Entscheidung zu fällen schien ihm obskur. Es musste auch noch andere Wege geben, er wollte sich nicht vorstellen, vor einer Abzweigung zu stehen. Er wollte auf der einen langen Straße gehen, die er bisher bewandert hatte, doch diese Möglichkeit blieb ihm nun nicht mehr. Er wusste zu viel und war sich nicht mehr sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, von dem geradlinigen Weg abzukehren und die Küche zu besuchen. Doch es war zu spät und es gab keinen Weg zurück. Er konnte nur warten, und darauf hoffen, dass ihm die Zeit die richtige Entscheidung zuflüstern würde.

Wochen vergingen und er hatte kaum etwas gegessen. Wie es ihm gesagt wurde, konnte er kein Fleisch zu sich nehmen. Er hatte zwar einige Male versucht sich einen Braten zuzubereiten, oder ein Kotelett zu braten, aber kurz bevor er es servierte schwanden seine Kräfte. Er ließ bei jedem Versuch das Messer aus seinen zitternden Händen fallen und wendete sich vom sorgfältig zubereiteten Gericht ab. Auch als er Besuch hatte, gelang es ihm nicht auch nur eines seiner zubereiteten Fleischgerichte zu kosten. Man fragte ihn oft, was der Grund für sein Verhalten sei, aber niemand erfuhr auch nur ein Wort. Er spielte auch öfters mit dem Gedanken es seinen Freunden zu erzählen. Manchmal hatte er das Gefühl, er müsse es augenblicklich herausbrüllen, um endlich wieder in Frieden mit sich leben zu können. Er ging sogar täglich mehrmals an verschiedenen Polizeistationen vorbei um zu sehen, ob er endlich den Mut fand hineinzugehen und alles zu erzählen, was er wusste. Tausend Gedanken schossen ihm stündlich durch den Kopf, und jeder einzelne dieser Gedanken war auf irgendeine seltsame Weise mit den ungewöhnlichen Gerichten, die er schon vor Wochen ahnungslos genossen hatte. Sollte er Schuldgefühle haben? Oder sollte er alles vergessen? Es war ihm kaum möglich einen Gedanken zu vollenden, ohne auf ein neues Problem zu stoßen.
Doch so sehr er sich auch anstrengte, war es ihm nicht möglich eine eigene Lösung zu finden. So beugte er sich seinem Schicksal und betrat acht Wochen nach seinem letzten Besuch das eigenartige Haus erneut. Scheinbar selbstsicher schritt er den Gang hinunter. Als er um die Ecke bog, sah er sofort das Mädchen, doch es warf ihm einen erstaunten, fast erschrockenen Blick zu. Sie hatte wohl nicht mit seiner Rückkehr gerechnet. Was sie jedoch so erschrecken lies, war der Umstand, dass er nicht allein war. Sie stockte und wollte schon loslaufen. Doch sein Blick nahm ihr die Furcht. Sie lächelte wieder und atmete erleichtert auf. Sie bediente noch ihre Gäste und schritt dann frohen Mutes auf ihn zu. Sie zeigte ihm und seinem Kollegen ihren Tisch und begleite sie zu ihrem Platz.

© Jan Jancik

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Das Versprechen

JOE: „Ich verspreche es.“
BRIAN: „Du musst es ehrlich versprechen. Das ist das Einzige, dass ich von dir verlange.“
JOE: „Ja, ich verspreche es! Du kannst dich darauf verlassen.“
BRIAN: „Danke.“


30 Jahre später.


BRIAN: „Kannst du dich noch an dein Versprechen erinnern?“
JOE: „Ja, natürlich. Aber wieso fragst du?!“
BRIAN: „Ich bin krank. Ich werde operiert.“
JOE: „Aber was hat das mit dem Versprechen zu tun?!“
BRIAN: „Weil es sein kann, dass nicht mehr aufwache.“
JOE: „Aber…“
BRIAN: „Du hast es versprochen. Ich bitte dich.“
JOE: „Es könnte doch gut gehen!“
BRIAN: „Ja, aber in meinem Alter gibt es ein enormes Risiko.“
JOE: „Aber du bist mein Freund.“
BRIAN: „Du tust mir damit einen gefallen. Ich will so nicht enden.“
JOE: „Okay.“


Nächste Woche wusste Joe nicht was er machen sollte. Während der Operation konnte er an nichts anderes denken als an Brian. Er hoffte auf eine erfolgreiche Operation. Um sich abzulenken ging er auf den Dachboden und kramte seine alten Sachen hervor. Falls die Operation schief gehen sollte, wollte er seinem Freund in den letzten Stunden mit seinen Gedanken verbunden sein.
Fünfzig Jahre alte Fotos mit seinem Freund und ihm fand er ganz oben in einer von vielen verstaubten Schachteln. Sie waren seit der Schulzeit die besten Freunde und ein halbes Jahrhundert später waren sie sich noch immer treu. Als Joes Frau Elison gestorben war, war Brian genauso mitgenommen gewesen wie Joe. Brians Trauer und Hilfe hatte Joes Schmerzen besonders gelindert und dafür war er ihm stets dankbar gewesen.
Bei diesen Gedanken kam ihm die Idee auch in Elisons Schachteln nachzusehen was sie vor ihrem Tod aufbewahrt hatte. Er fand einige Bilder von ihren gemeinsamen Kindern. Auch einige gemeinsame Fotos ein paar Gedichte, die sie geschrieben hatte. Joe weinte, als er diese alten Erinnerungsstücke an seine große Liebe durchstöberte.
Doch dann Fand er Briefe. Elison hatte sie ganz unten versteckt. Es waren Liebeserklärungen von Brian. In den vielen Briefen, die Elison und Brian ausgetauscht hatten, waren all ihre gemeinsamen Geschichten beschrieben. Ihre geheime und starke Liebe und ihre langen Nächte hatten sie einander wiederholt mit liebevollen Worten umrahmt.
Joe wusste nicht wo er seine Gefühle unterordnen sollte. Seine Liebe zu Elison und Freundschaft zu Brian waren mit einem Male zerrüttet. Seine Gefühle spielten verrückt. Seine Liebe schwand und kehrte zurück. Eine Ungewissheit über die Ehrlichkeit der Briefe wuchst und so auch seine Neugier. Je öfter er sie durchlas, desto mehr festigte sich der Glaube an eine heimliche Liebe. Damit verlor er aber die seine. Die Bange um seinen Freund hatte sich ebenso gewandelt. Er dürstete nach Erlösung seines geistigen Leidens.


Sofort fuhr er ins Krankenhaus und stürmte in Brians Krankenzimmer. Gerade hatte man ihn aus dem OP gebracht und an die Ernährungsgeräte geschlossen. Joe stand nun still im Zimmer und sah ihn an. Er sah sein verzerrtes Gesicht. Er sah wie Brian mit offenen Augen die Decke anstarrte und seine Hand hob. Der Katheter füllte sich mit Urin und er krächzte und spuckte. Es war so verlaufen wie Brian es vorausgesehen hatte.


Aber Joe würde sein Versprechen nicht halten.

© Jan Jancik


Sklaven des Mondes

VINCENT: „Hey?!“
Adrian sah auf und blickte Vincent in die Augen.
VINCENT: „Was soll das?!“
Adrian wollte weglaufen, aber es war zu spät. Vincent war zu nah.
VINCENT: „Lass die Finger von meinem Auto!“
Adrian brachte kein Wort heraus. Er stand nur weiter mit dem Schlüssel in der Hand vor Vincents Auto. Sie standen in einem Parkhaus und um sie herum waren etliche Autos. Aber das von Vincent hatte sich Adrian ausgesucht.
VINCENT: „Das zahlst du.“


Das reichte aus, um Adrians Starre zu brechen. Er lief los. Ohne Pause kurvte er durch die unzähligen Reihen geparkter Autos ohne sich einmal umzublicken. Denn er hörte Vincent seinen Schritten folgen. Er konnte gar seinen Atem im Nacken spüren und wusste, dass er nur eine geringe Chance hatte, zu entkommen. Doch die kam nicht.
Kurz darauf hielt Vincent Adrians Hand fest. Er hatte einen festen Griff und würde ihn nicht so schnell lösen.


VINCENT: „Das zahlst du.“
ADRIAN: „Ich habe kein Geld.“
VINCENT: „Wieso hast du es gemacht?!“
ADRIAN: „Ich, ich weiß nicht.“
Adrian spürte Vincents Wut durch seinen festen Griff und sah sie in seinen lodernden Augen.
VINCENT: „Du zahlst trotzdem.“
Im nächsten Augenblick biss ihm Vincent in den Arm und lies Adrian für seine Tat bluten. Adrian schrie auf und versuchte verzweifelt seinen Arm loszureißen. Aber Vincent löste den Griff von selbst als habe er merkte, dass Adrian zur Genüge bestraft worden sei.
Sofort lief Adrian los und rannte noch schneller als zuvor. Nur diesmal sah er sich nicht um, da er wusste, dass ihm niemand folgte.


ANDREA: „Gebissen?! Wieso hat es dich gebissen?“
ADRIAN: „Keine Ahnung.“
ANDREA: „Du musst ihm doch etwas getan haben.“
ADRIAN: „Ich habe den Lack an seinem Auto zerkratzt.“
ANDREA: „Wieso?!“
ADRIAN: „Keine Ahnung!“
ANDREA: „Was weißt du überhaupt.“
ADRIAN: „Dass es verdammt wehtut.“
ANDREA: „Zumindest ist es nicht so schlimm wie es aussieht. Wenn er keine Tollwut hatte, wirst du’s schon überleben.“
Adrian: „Haha.“


In der darauffolgen Woche war die Wunde schon zugewachsen und Adrian verspürte keine Anzeichen von Unwohlsein. Erst in der kommenden Nacht fing es an in dem Arm in den er gebissen worden war zu kribbeln.
Er zog sein Hemd aus und sah sich verwundert seinen Arm an. Er war von der Schulter, bis zur Hand bedeckt mit kurzem grauem Fell, das sich immer weiter zu verbreiten schien. Langsam aber stetig wuchs ein weiches Fell aus seiner Haut. Verzweifelt versuchte er es abzureisen. Nichts half und bald war auch seine Brust völlig mit einem Fell verhüllt.
Eigentlich wäre er in dieser Situation in Panik geraten, aber seltsamerweise blieb er ruhig. Er war fast noch ruhiger als zuvor. Sein Körper passte sich an die neuen Umstände an, sowohl äußerlich, als auch innerlich.
Plötzlich drückte ihn aber etwas zu Boden. Es wurde immer schwerer auf zwei Beinen zu Stehen. Seine Wirbelsäule krümmte sich so sehr, dass er zu Boden fiel und sich mit den Händen abstützen musste. Inzwischen war sein ganzer Körper mit grauem Fell bedeckt und er konnte seine neue Pracht nun auf allen Vieren bestaunen. Da er es genauer wissen wollte spazierte er zu einem großen Wandspiegel im Schlafzimmer.
So erstaunt er auch war über seine neue Agilität war, so erschrocken war er über sein Aussehen. Er hatte kein Gesicht mehr. In der Mitte war im eine kurze aber breite Schnauze erwachsen und seine Augen hatten jegliche Ausdruckskraft und Menschlichkeit verloren. Aber trotz aller Umstände fühlte er sich in seinem neuen Gewand wohl. Doch da hatte ihn das Verlangen, dass sich erst zuletzt zeigen sollte noch nicht gepackt. Die Lust nach Blut, das Verlangen nach Tod und Verderben. Es war der Urinstinkt der Sklaven des Mondes. Wie es ihnen der Mond befahl, mussten sie ihm ein Opfer bringen und ihm huldigen, um wieder in ihre ursprüngliche Gestalt zurückzukehren. Dieser Drang war so stark und zerstörerisch, dass er zu einem willenlosen Sklaven wurde und seinem Meister ein Opferlamm bringen musste.


Im nächsten Augenblick jagte dieser Wolf durch die Gassen und suchte Zuflucht in den Schatten der Stadt. Als magischer Schutz dienten sie seiner Mission und hielten sein dunkles Geheimnis im Verborgenen.
Mit schnellen aber gezielten Sprüngen hastete er über jedes noch so große Hindernis hinfort und war schon in kürzester Zeit am gewünschten Ort. Die Leere und die wenigen Schatten verliehen diesem aber kein Gefühl der Geborgenheit, aber wohlwollend vom klar strahlenden Meister beleuchtet schwand auch bald jegliche unangenehme Empfindung. Auch das Erscheinen des erwarteten Rivalen brachte das Herz des neuen Sklaven nicht aus dem Rhythmus. Er füllte nur seine aufgewühlten und vor Wut entbrannten Muskeln und Fasern pulsieren. Sein heißer Atem und seine scharfen Beißer kündigten ein wildes Treffen an. Denn auch sein Konkurrent fletschte seine Zähne und zeugte nicht von Wohlwollen. Sie hatten sich wie von einer inneren Stimme, ihrem Instinkt geleitet auf dem Dach der Parkgarage wieder vereint.

© Jan Jancik


Lichter

Zwei gleich große Lichter kommen auf mich zu. Sie werden immer größer. Sind die Lichter gut für mich oder schlecht. Sollte ich Angst haben, oder sollte ich einmal Mut zeigen? Was mache ich hier, und bin ich wirklich so blöd? Jetzt sehe ich nichts mehr. Es ist zu hell.


Dann geschieht etwas. So was ist mir noch nie passiert. Ich liege tot auf der Straße. Meine Melone ist zerquetscht wie, … wie eine Melone. Kopfschmerzen habe ich aber keine. Ist wohl auch gut so, wenigstens ging es schnell. Ist doch ein komisches Gefühl seinen eigenen Tod zu sehen und noch dazu darüber zu reden.


Was macht der denn?! Scheiße, dieser Arsch. Was soll das, überfährt einfach meinen Kopf und geht wieder! Hey! Hey, bleib da, komm zurück!


Der kommt nicht mehr. An seinem Auto sieht man ja auch nichts. Dem kann keiner etwas nachweisen. Bin ja auch auf der Straße gelegen wie ein Idiot und hab nur darauf gewartet. Bin selbst Schuld. Aber trotzdem fühle ich mich schlecht. Das ist doch unfair. Wenn ich jemandem den Schädel platt gefahren hätte, würde ich mich zumindest entschuldigen und nicht einfach wegfahren. So eine feige Sau.


Was ist das? Da kommen ja wieder Lichter. Die scheinen mich aber zu sehen. Jetzt sind sie gleich da. Die werden mir bestimmt helfen. Na ja, soweit man das so sagen kann. Aber, aber nein! Wo geh ich hin. Nein ich will nicht weg. Lasst mich bei meinem Körper, ich mag meinen Körper, ohne Kopf sehe ich auch noch gut aus. Nein, nein ich will nicht ins Licht! Warte! Kommt das Licht zu mir, oder gehe ich zum Licht? Irgendwie wohl beides. Ich kann wieder nichts erkennen. Es wird wieder so hell, aber diesmal gefällt es mir irgendwie. Wahrscheinlich, weil ich jetzt weiß wo ich hinkomme.


Wo bin ich jetzt?! Das gibt’s doch nicht. Das sieht aber nicht wie der Himmel aus. Das ist zwar ein schönes Haus, aber wo sind die Wolken und die Engel. Ich kenn mich bald gar nicht mehr aus. Ist ja wie wenn ich halb auf einem Trip und halb nüchtern wär. Ah, da kommt wohl der erste Engel. Hallo, Kleines! Was ist? Siehst mich nicht. Sogar die Engel ignorieren mich. Um nichts besser als am Leben zu sein. Aber heiß sind die Engel schon. Wie man sie sich immer wünscht. Hätte ich mir selbst nicht erträumt. So geile Beine, super Lippen und ein prächtiger Pfirsichhintern! Es gibt nicht einmal blöde Flügel, die stören. Bin echt begeistert. Jetzt muss ich mich nur noch so bemerkbar machen, dass sie reagiert. Das geht ja so nicht weiter. Also, Kleines. Willst du mal,…. Hey, wer ist das denn wieder. Kommt einfach rein, stiehlt mir meinen Auftritt und glaubt er ist der Beste. Scheiße, das ist ja, … ich. Die haben meinen Schädel aber schön hingekriegt. Wie haben die das gemacht. Es war ja nichts mehr davon übrig. Was die heut so alles können. Aber warte, wie kann ich mich sehen, wenn…. Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Soll das die Hölle sein, die mir zeigt, was ich alles nicht mehr haben kann, oder was ich alles falsch gemacht habe in meinem Leben. Immer diese Predigten. Bitte lasst mich in Frieden damit. Ich will doch nur mein angebliches Leben nach dem Tod genießen und nicht, um mein Noch-Leben, bzw. Irgendwann-Leben hoffnungslos trauern. Ich verschwinde. Ah, wie gerufen. Die Lichter sind wieder da. Aber wie kommen sie durch das Fenster? Das kann mir ja egal sein, weil ich jetzt sowieso in die Hölle komme. Vom Fegefeuer in die Hölle. Diese helle Hölle.


Das ist ja wirklich die Hölle. Ich erlebe meine schlimmsten Momente noch einmal. Ich glaub ich bring mich gleich nochmal um. Ah, da kommt sie schon. Stolziert in mein Zimmer, wie eine Königin. Eine Hure ist sie, sonst nichts. Schrei mich ruhig an. Du hast es nicht anders verdient. Das war das Beste was ich tun konnte. Dein Auto war sowieso ein Schrottwagen. Egal, wie viel es gekostet hat. In meinen Augen war es Schrott. Wieso musstest du auch für so ein dreckiges Schwein deine Beine breit machen. Selbst Schuld, Kleine. Aber das was du gemacht hast war doch wirklich zu viel. Glaubst du das hält jemand aus. Ich habe dich geliebt, du Miststück. Auch wenn du so eine, …. Ach, mir ist es schon völlig egal. Ich bin tot und damit Basta. Ich mach mir keinen Kopf mehr. Hab sowieso keinen mehr. Also kannst du auch aufhören zu schreien und was du alles mit deinem Lutscher gemacht hast, hab ich ja schon zur Genüge gehört. Gratuliere! Bist mich ja auch damit schön losgeworden. Und die Ohrfeige zum Abschluss. Eine perfekte Vollendung meines Lebens. Diesen Klatscher werde ich wohl nie vergessen. Die hat mir richtig den Kopf zerschmettert. Na endlich, die Lichter sind wieder da, erlöst mich bitte endlich von ihr. Bringt mich bitte wieder zurück in den Himmel zu diesem heißen Weibsbild.


Au weh, soll ich mir das etwa noch einmal ansehen. Vor ein paar Minuten war ich ja selbst dabei. Mein Kurzzeitgedächtnis funktioniert noch recht gut, also hört auf. Na gut, ich kann ja sowieso nichts dagegen machen. Ich sitze im Graben und warte. Wie spannend. Ganz schwarz angezogen, warte ich auf ein Auto. Na so was, da kommt ja schon eines. Verzweifelt wie ich bin, … war, schmeiße ich mich gleich davor. Oder doch nicht. Jetzt hört doch auf, ist doch langweilig seinen Tod ständig wiederholt anzusehen. Ich trau mich ja sowieso nicht vor dieses Auto zu werfen. Ich war und bin feige. Da fährt es vorbei, ohne etwas zu ahnen. Da kommt aber schon das Nächste. Na komm schon schwarzer Mann, dann kann ich hier endlich fort. Ich kann ja sowieso nichts mehr ändern, auch wenn ich wollte. So lasst mich einfach zurück zu meinem Engel. Was? Nein nicht! Ich will nicht dorthin. Weg von den Lichtern. Die andere Richtung. Himmel, Himmel, nicht Erde.


Scheiße, ich lebe. Was soll ich tun. Mitten auf der Straße. Da kommen schon die Lichter. Die Lichter der Erlösung. Der Fahrer wird mich nicht sehen. Hat er das letzte Mal auch nicht. Was heißt letztes Mal? Das ist letztes Mal. Was soll ich tun. Zurück in den Graben, oder wieder in den Himmel. Komm ich dann überhaupt in den Himmel. War das überhaupt der Himmel? Vielleicht bin ich ja im Himmel und muss nur den richtigen Platz finden. Die Lichter kommen immer näher. Bald haben sie mich wieder. Sie sprechen zu mir, die Lichter sprechen zu mir: „Entscheide dich.“ Was mache ich hier und bin ich wirklich so blöd? Jetzt sehe ich nichts mehr. Es ist zu hell. „Entscheide dich. Jetzt!“

© Jan Jancik


Sterne

„Was sind das für Lichter, Mama?“, fragte das Mädchen, als es in den Himmel blickte.
„Das sind Sterne.“
„Was sind Sterne?“
„Das sind Himmelskörper.“
„Und was tun sie?“
„Sie leuchten. Was sollten sie denn schon tun?“
„Aber für irgendwas müssen sie ja da sein, oder?“
Die Mutter dachte nach, was sie ihrem Kind sagen sollte, um es zufrieden zu stellen.
„Sie weisen uns den Weg, wenn wir in Not sind.“
„Wie geht das?“
Da fiel der Mutter ein, was ihr ihre Großmutter immer erzählt hatte.
„Das sind nämlich unsere Verwandten und Freunde, die schon gestorben sind. Zum Beispiel deine Großmutter und meine Großmutter. Die sind alle da oben und leuchten auf uns herab.“
„Und wie zeigen wir ihnen, dass wir sie brauchen?“
„Das spüren sie und helfen uns dann.“
„Und wie?“
„Wenn wir nicht mehr wissen wie es weiter geht, dann leuchten sie besonders stark und lassen uns spüren welcher Weg der Richtige ist und was wir tun sollen.“
„Das gefällt mir. Kannst du mir zeigen welcher Stern Oma ist?“
Die Mutter schmunzelte.
„Nein, da sind so viele. Ich kann deine Oma gerade nicht erkennen. Aber ich kann dir was anderes zeigen – Sternenbilder.“
„Meinst du das Bild von Oma, das du im Wohnzimmer hängen hast.“
„Nein, ich meine zum Beispiel den Löwen, den Stier oder den kleine und den großen Wagen. Ich zeigst dir, schau. Da,…“
Plötzlich war die Mutter völlig verwirrt.
„Das gibt’s doch nicht. Ich habe die Sternenbilder immer erkennen können. Stets zumindest einen. Aber jetzt scheinen sie wohl keine Form zu haben. Wie wenn die Sterne willkürlich durcheinander wären. Es gibt nicht einmal den Polarstern. Alle Sterne leuchten gleich stark.“
„Komm Mama, gehen wir wieder zurück ins Haus.“
Im Haus war alles so, wie sie es sich immer gewünscht hatten. An den Wänden hingen große Porträts, der Boden war geschmückt mit prachtvollen Teppichen und die Möbel waren elegant und modern.
„Es ist richtig schön hier.“
Wortlos stimmte ihr die Mutter zu.
„Bist du hungrig, Kleine?“
„Nein, ich glaube nicht.“
„Ich eigentlich auch nicht. Dann gehen wir spazieren, einverstanden?“
„Ich will in den großen Garten. Da ist es so angenehm.“
Schon waren sie in einem riesigen Garten mit wunderschönen großen Obstbäumen und einem gepflegtem Rasen. Fröhlich tollte das Mädchen herum, während ihr ihre Mutter zufrieden nachsah. Der Tag war hell und es war keine einzige Wolke am Himmel zu sehen.
„Hallo, Mama!“, rief jemand hinter ihnen.
„Na endlich. Wo warst du so lange?“
„Bruder!“, freute sich das Mädchen.
„Ich war schon auf dem Weg nach Hause, als ich einen Unfall hatte. Ich dachte schon, dass es jetzt vorbei sei, aber wie durch ein Wunder ist mir nichts passiert. Ein paar Kratzer, aber sonst bin ich unverletzt.“
„Haben sie dich untersucht?“
„Ja, aber ich hab nichts. Mir geht’s super. Wo ist übrigens Vater?“
„Der wird wohl später kommen. Er muss noch arbeiten.“
„Was war das für ein Unfall? Ist jemandem etwas passiert?“
„Das war ein ziemliches Durcheinander. Ein Fahrer im Gegenverkehr hat wohl die Kontrolle über sein Auto verloren und ist auf mich zugerast. Aber ich konnte noch ausweichen. Wie gesagt, mir geht’s gut, aber ich weiß nicht, was mit den anderen passiert ist. Ich hoffe denen geht es auch gut.“
„Vielleicht berichten sie ja im Fernsehen darüber.“, meinte der Sohn.
„Stimmt, das kann sein.“
„Nein, ich will davon nichts hören. Was wenn es die Anderen nicht geschafft haben. Dann mache ich mir Vorwürfe. Ich will’s nicht wissen.“
„Aber du kannst doch nichts dafür.“
„Egal, ich geh mal in die Stadt und schau was dort los ist. Bis später.“

„Ratet mal wen ich heute getroffen hab!“, strahlte der Junge.
„Keine Ahnung, wen?“
„Die zwei Typen, die den Unfall verursacht haben.“
„Und wie geht’s ihnen? Sind sie schon aus dem Krankenhaus entlassen worden?“
„Das ist es ja. Dort waren sie gar nicht. Den einen haben sie schon von der Unfallstelle nach Hause geschickt und den anderen haben sie mit dem Krankenwagen nach Hause gefahren, weil es ihm während der Fahrt wieder gut genug ging.“
„Das ist ja toll. Also ist alles noch mal gut gegangen.“
„Ist Papa übrigens schon da?“
„Nein, ich weiß nicht wo er ist. Hoffentlich ist ihm nichts passiert. Ein zweiter Unfall in einer Familie, an einem Tag wäre doch zufiel, oder?“
„Dem ist schon nichts passiert. Er passt immer gut auf sich auf.“
„Ich weiß, aber ich mache mir trotzdem Sorgen.“

„Schau, welch ein klarer Himmel heute, Mama.“, meinte die Tochter.
„Ja.“, seufzte die traurige Mutter vor sich hin.
„Was ist den los? Du bist ganz bleich.“
„Ich vermisse deinen Vater. Jetzt ist es schon fast eine Ewigkeit und er hat sich nicht einmal gemeldet.“
„Der wird schon kommen, keine Sorge.“
„Was heißt keine Sorge?! Wenn er sich schon so lange weg ist und sich nicht meldet, kann es fast nicht sein, dass er wiederkommt. Entweder ist ihm etwas zugestoßen, oder er ist davongelaufen. Vielleicht konnte er einfach nicht mehr. Ich weiß nicht, aber das ist nicht mehr normal.“
„Weißt du noch, was du mir erzählt hast, über die Lichter da oben?“
„Ach ja, das war doch nur,…“
„Sie wissen, dass du in Not bist. Frag mal Oma was du tun sollst.“
„Das funktioniert doch nicht.“
„Doch ich glaub daran. Probier es doch einfach.“
Ungläubig, aber ehrlich bat sie so, um ihre Tochter zufrieden zustellen, ihre Mutter um Hilfe: „Mutter, ich brauche dich. Bitte Hilf mir. Was soll ich tun.“
„Liebe ihn!“, sprach plötzlich eine Stimme hinter ihr.
Die Großmutter stand plötzlich im Raum, wie wenn sie schon immer dort gewesen wäre.
Die Mutter konnte es nicht glauben und schon gar nicht erklären. Wer war die Person, die hinter ihr stand.
„Großmutter, ich wusste du würdest uns helfen.“, rief das kleine Mädchen glücklich.
„Bist du es wirklich?“, prüfte die verzweifelte ungläubige Mutter.
„Warum sollte ich es nicht sein?“, erwiderte die alte Dame.
„Weil du tot bist!“
Die Großmutter lächelte nur.
In dem Augenblick wurde es den beiden sofort klar. Erst jetzt bemerkten sie, dass sie keine Gestalt hatten. Sie waren Seelen ohne Körper. Sie erkannten sich zwar und konnten sich verständigen, aber ihre Geister hatten keine Hülle. Auch ihre Umgebung war Illusion. Sie konnten nach Wunsch ihre Umgebung verändern und so gestalten wie es ihnen vorschwebte.
„Und mein Sohn? Ist der auch tot?“
„Hast du den Unfall nicht gesehen. Den hätte niemand überleben können.“
„Und,…“
„Dein Mann ist der Einzige dem du noch helfen kannst. Er ist jetzt alleine.“
„Wie kann ich ihm denn noch helfen?!“
„Deine Großmutter hat er dir ja immer erzählt. Die Lichter am Himmel strahlen für manche von uns heller als für andere.“
„Also soll ich ihn einfach nur lieben.“
„Je mehr du ihn liebst, desto heller wirst du strahlen. So wird er dich erkennen. Er hat ja seine Kinder und seine Frau verloren. Er wird bald aufgeben. Er braucht dich jetzt“
„Und woher weiß ich dass er es spürt?“
„Du musst nur selbst nach oben sehen. Wir alle sind Lichter für einander und müssen für einander leuchten, damit keiner von uns vom Weg abkommt.“

© Jan Jancik


Midlife Crisis

SOHN: „Was ist los Vater? Du wirkst angeschlagen.“
VATER (LÄCHELT): „Angeschlagen? Das klingt so harmlos. Ich weiß nicht mehr weiter.“
SOHN: „Hast du Probleme in der Arbeit?“
VATER: „Im Leben. Im Leben weiß ich nicht mehr weiter. Ich habe kein Ziel mehr.“
Sohn: „Wozu brauchst du noch ein Ziel. Du hast doch alles was du brauchst.“
VATER: „Das ist ja mein Problem. Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet, um dorthin zu kommen, wo ich jetzt bin. Jetzt wo ich nichts mehr brauche, weil ich alles hab, weiß ich nichts damit anzufangen.“
SOHN: „Du sollst doch nur dein Leben genießen.“
VATER: „Ich habe mein Leben lang genug genossen. Es gibt nichts was ich tun will und noch nicht getan hab.“
SOHN: „Wie wär’s mit einem Hobby?“
VATER: „Ich habe schon alles ausprobiert. Jede mögliche Sportart, von Speerwerfen, über Kricket zu Hockey. Manches hat mir gefallen, aber das habe ich schon zur genüge praktiziert. Ich habe versucht zu malen, zu zeichnen, zu schreiben, zu musizieren. Ich habe sogar schon mehrere Filme gedreht. Doch auch davon habe ich genug.“
SOHN: „Du solltest vielleicht einen anderen Beruf erlernen.“
VATER: „Ich bin jetzt 54 Jahre alt und habe fast jedes zweite Jahr den Beruf gewechselt. Als ob du das nicht wüsstest. Von deinem Großvater habe ich so viel Geld geerbt, dass ich nie wieder hätte arbeiten müssen. Aber es gab für mich keinen Ruhetag. Ich wollte mich nie auf meinem Geld ausruhen. So hab ich als Bauingenieur, Innenarchitekt, Produzent, Anwalt und vieles mehr gearbeitet. Ich hatte durch die Bekanntschaften meines Vaters viele verschiedene Berufsmöglichkeiten, für die ich eigentlich gar nicht qualifiziert gewesen wäre.“
SOHN: „Echt nicht leicht dich zufrieden zu stimmen.“
VATER: „Lass mich doch in Ruhe, ich hab dich nie um Hilfe gebeten.“
SOHN: „Wie wär’s mit Reisen. Fahr irgendwohin, wo du noch nie gewesen bist.“
VATER: „Und wo soll das sein? Fast jeden zweiten Monat bin habe ich einen neuen Ort besucht. Doch vor einem halben Jahr hab ich damit aufgehört. Es gibt nämlich keinen interessanten Platz mehr, den ich noch nicht besucht hab. Jede schöne Hauptstadt, jede Sehenswürdigkeit, jede Wüste und jedes Meer habe ich mit meinen Augen verschlungen. Ich habe so viel gesehen, wie wahrscheinlich kein Mensch zuvor. Ich war sogar schon im Weltall und habe die Erde betrachtet, wie sie schlief und wieder erwachte.
SOHN: „Ich versteh dich nicht, du musst der glücklichste Mensch auf Erden sein.“
VATER: „Das war ich auch. Bis ich alles besessen und alles gesehen habe.“
SOHN: „Dann muss es Liebe sein, die dir fehlt. Die kannst du weder kaufen noch sehen.“
VATER: „Glaub nicht alles was du hörst mein Sohn. Liebe kann man ebenso erkaufen, wie alles andere. Meine erste Frau hat mich gehasst, bis ich ihr gezeigt hab, wie reich ich bin. Danach war sie die liebenswürdigste Person, die ich je kannte. Meinen Antrag hat sie sofort bejaht und bis zu ihrem Tod, hat sie mich ausnahmslos geliebt. Außerdem liebe ich deine Mutter noch genauso wie sie mich. Das einzige, das uns fehlt sind Geheimnisse. Ich wollte immer alles über sie erfahren und habe sogar Kameras eingesetzt, um sie zu beschatten. Jedes kleine Geheimnis, dass sie hatte habe ich entdeckt und so wurde sie für mich uninteressant. Genauso, wie all die verborgenen Seiten, der Erde und deren faszinierendes Leben. Die Magie war verschwunden, nachdem ich alles wusste.“
SOHN: „Du kannst doch nicht alles wissen. Es müssen doch noch irgendwo Geheimnisse auf dich warten.“
VATER: „Als ich so alt war wie du, war ich noch von so Vielem fasziniert. Ich hatte ja keine Ahnung, wie alles funktionierte und wieso manche Dinge geschahen, die eigentlich nicht geschehen sollten. Die Welt war noch voller Geheimnisse. Und diese Geheimnisse wollte ich aufdecken. Dazu gibt es ja allerlei Hilfsmittel. Mit der Zeit wurde alles klarer. Wieso ist der Himmel blau? Wie funktioniert das Telefon? Wie funktioniert der Mensch? Einfach alles was ich wissen wollte, habe ich nachgelesen und mit der Zeit herausgefunden, dass alles empirisch erfassbar ist. Vieles hat mir auch mein Vater erzählt. Ich glaubte immer er sei der klügste Mensch der Welt. Alles was der Mensch mit Sicherheit weiß, weiß ich auch.“
SOHN: „Dann gibt es nichts mehr für dich, nachdem zu forschen kannst, oder?“
VATER: „Nein, hier finde ich keine Antworten mehr.“


Der Vater drehte sich um und ging, über die Treppen seiner Villa hinauf in sein Zimmer. Der Sohn sah ihm nach: „Was hat er mit, hier, gemeint?“ Dann ging auch er seiner Wege.
Erst eine Stunde später entschloss er sich dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Der letzte Satz seines Vaters ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. So ging er zum Zimmer seines Vaters und klopfte an der Tür. Seine Gedanken waren so an dem Satz gebunden, dass er nicht warten konnte, bis der Vater antwortete und öffnete die Tür. Von der Decke baumelte, sich noch immer leicht durch den Schwung des Sprungs schwenkend, der Körper seines Vaters. Die Frage, die er ihm stellen wollte, hatte sich beantwortet. Allein im Tod konnte er all die verbleibenden Geheimnisse lösen, auf die das Leben keine Antwort barg.

© Jan Jancik


Angst

EIN ZUG FÄHRT FÜR KURZE ZEIT IN EINEN TUNNEL.

HERR F.: „Ich habe Angst.“
FREMDER : „Wovor?“
HERR F.: „Vor der Dunkelheit.“
FREMDER : „Warum? Sie sehen doch nichts.“
HERR F.: „Genau deshalb fürchte ich mich doch.“
FREMDER: „Das versteh ich nicht. Gerade war noch alles in Ordnung und nur weil es jetzt dunkel ist, haben sie Angst?“
HERR F.: „Ich hatte vorher auch schon Angst.“
FREMDER: „Wovor denn?“
HERR F.: „Ich hatte schon mein ganzes Leben Angst. Es gibt kaum etwas vor was ich keine Angst habe.“
FREMDER: „Haben Sie auch vor mir Angst.“


HERR F. WILL ANTWORTEN, ABER ER ÖFFNET NUR DEN MUND. ER IST NÄMLICH SELBST VON DER ANTWORT ÜBERRASCHT: „Nein“


DER FREMDE LÄCHELT: „Sie haben Angst vor der Dunkelheit, obwohl Sie sie kennen und sie Ihnen noch nichts angetan haben kann, aber vor einem Fremden fürchten Sie sich nicht?“
HERR F.: „Ich weiß nicht wieso, aber so geht es mir schon seit meinen Kindertagen.“
FREMDER: „Ich glaube Sie wissen gar nicht was Angst ist.“
HERR F.: „Natürlich weiß ich…“
FREMDER : „Nein. Sie wurden wie so Viele dazu getrieben Angst zu haben. Sie sehen sich Filme an, wo etwas Böses aus der Dunkelheit entspringt. Deshalb haben Sie Angst wenn es dunkel wird. Dann sehen Sie Filme in denen Tote aus ihren Gräbern auferstehen. So bekommen Sie Angst in der Nacht auf einem Friedhof zu sein. Sie hören in den Nachtrichten über gefährliche Angriffe von wilden Tieren. Deshalb haben Sie bestimmt auch Angst vor Hunden. Und wenn Sie zum Meer fahren haben Sie Angst vor dem, was sich unter Ihnen befinden könnte.


HERR F. NICKT.


FREMDER: „Dabei haben Sie noch nie etwas Schlimmes erlebt, dass von diesen Dingen, vor denen Sie Angst haben, ausging. Hab ich recht?“


HERR F. NICKT ERNEUT. SEIN BLICK WIRD IMMER BETRÜBTER. ES WIRD IHM BEWUSST, DASS ER SEIN GANZES LEBEN FALSCH GELEBT HAT.


FREMDER: „Sie sind nicht der Einzige dem es so geht.“


HERR F. BLICKT AUF, OHNE SEINEN SCHWERMUT BESIEGT ZU HABEN. SAGT ABER KEIN WORT.


FREMDER: „Ich weiß das, weil ich schon viele Menschen wie Sie getroffen habe und Ihnen danach erfolgreich Angst machen konnte.“
HERR F.: „Ich will aber keine Angst haben! Ich will das Gefühl der Angst loswerden.“
FREMDER: „Sie haben sich Ihr ganzes Leben lang, vor dem Falschen gefürchtet. Ein Friedhof ist in der Nacht der sicherste Ort, weil sich eben so viele Menschen davor fürchten und ihn deshalb nicht betreten. Das einzig Gefährliche an der Dunkelheit ist irgendwo anzulaufen. Im Meer müssten die Haie und andere Fische mehr Angst vor Menschen haben als wir vor ihnen. Es gibt für Menschen nur Eines vor dem sie Angst haben müssten. Nämlich Menschen.“
HERR F.: „Ich hatte noch nie vor Menschen Angst. Nur vor Mördern und Dieben. Aber ich habe noch nie einen getroffen.“
FREMDER: „Woher wollen Sie das wissen. Glauben Sie, dass alle Diebe schwarz gekleidet
sind und eine Maske tragen, und dass Mörder immer eine Waffe in der Hand halten?“


HERR F. SCHWEIGT. ER BEKOMMT PLÖTZLICH ANGST, WIE ER SIE NOCH NIE GESPÜRT HAT. DIESE WORTE HABEN IHM SEINE AUGEN WEIT GEÖFFNET. ES WIRD IHM BEWUSST, DASS ER SICH SICHER GEFÜHLT HAT, OBWOHL ER OFT IN GROßER GEFAHR GEWESEN WAR UND VERTRAUTE AUF EINEN SCHLAG KEINEM MENSCHEN MEHR. VOR ALLEM NICHT DEM FREMDEN.
DER FREMDE ERKENNT SEINE FURCHT. ES IST ALS HÖRE ER SEIN POCHENDES HERZ. ER SPÜRT WIE SEINEM OPFER HEIß WIRD. BEIDE WISSEN, DASS ES FÜR HERRN F. KEIN ENTKOMMEN GIBT. PLÖTZLICH ZUCKT DER FREMDE SEIN MESSER AUS DER TASCHE. HERR F. REISST ERSCHROCKEN DEN MUND AUF, ALS WOLLTE ER SCHREIEN. DOCH ES IST, ALS OB ER NIE EINE STIMME GEHABT HÄTTE.
EINE WEITERE SEELE IST VOR DER WELT DER VIELEN FALSCHEN ÄNGSTE ERLÖST.
DOCH ES GIBT NOCH VIELE, DIE DER FREMDE NOCH BELEHREN MUSS.


 © Jan Jancik